NSFWReview

Tapes

Behinderte Menschen haben keinen Sex. Dieser Mythos hält sich bis heute beharrlich, so oft ihn glückliche Paare, Sexualbegleiter_innen und Dokumentationen über deren Alltag auch widerlegen. Der vom normierten Schönheitsideal abweichende, eingeschränkt bewegliche Körper wird als unerotisch empfunden und gesellschaftlich daher nicht als aktiver Part eines Geschlechtsakts akzeptiert. Dabei ist Sex weit mehr als eine pornografisch inszenierbare Form der Penetration und daher für die meisten Betroffenen durchaus umsetzbar.

Marras Vedenoja leidet am Ehlers-Danlos-Syndrom, das sich in ihrem Fall durch eine verstärkte Tendenz zu ausgerenkten Gelenken, chronische Schmerzen und Muskelverkürzungen auszeichnet. Letztere erfordern, dass die junge Frau regelmäßig bestimmte Körperpartien mit Tapes beklebt, um sie zu dehnen – ein aufwändiger und unangenehmer Prozess, der allein nur schwer zu bewerkstelligen ist. Dieses alltägliche Vorgehen allerdings wird zum erotischen Akt, als ihr Partner bereitwillig seine Hilfe anbietet. Sorgfältig tastet er den weichen Rücken ab, erfühlt die angespannten Muskeln, bringt sorgsam die schwarzen Baumwolbänder darauf an.

Beide sind nackt, von vornherein. Die erotische Spannung zwischen der Protagonistin und ihrem Freund ist ebenso kontinuierlich spürbar wie ihr vertrauter Umgang miteinander, trotz der stark abstrahierten Darstellung wirken beide Körper mit ihren Falten und Rundungen realitätsnah. Tapes zeichnet als kurze Visual Novel mit einfachsten Mitteln das intime Portrait einer Partnerschaft, die notgedrungen auch, aber keineswegs nur um Behinderungen kreist. Dem Spiel wohnt eine Selbstverständlichkeit inne, die viel zu selten zutage tritt, doch vielleicht werden wir irgendwann anerkennen können, dass Sex niemandem vorbehalten sein oder vorenthalten werden sollte. Denn jeder Mensch verdient Zuneigung, unabhängig von der Form und Farbe seines Körpers.