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Talks With My Mom

Gespräche mit meiner Mutter waren nie einfach. Mal schrien wir uns an und schwiegen anschließend beharrlich, mal verzweifelten wir an der Unverbindlichkeit des gesprochenen Wortes und hielten Aussagen daher schriftlich fest. Türen wurden aufgerissen, zugeschmissen. Meine Pubertät war ein andauerndes Ringen zwischen zwei Kräften, die wie Naturgewalten aufeinanderprallten und nicht zurückweichen wollten. Jahre später, schließlich, hatte sich der Sturm jedoch gelegt, weil er jahrelang durch unsere kleine Wohnung fegen durfte. Heute gehen wir gelassener und nachsichtiger miteinander um.

Die Auseinandersetzung mit dem Anderen ist ein strapaziöser, aber wichtiger Prozess, wenn man wechselseitige Akzeptanz anstrebt. Sie ist besonders schmerzhaft, wenn dieses bzw. dieser Andere beim besten Willen nicht mit den eigenen Vorstellungen und Idealen zu vereinbaren ist. Dieses Problem schildert die 18-jährige Vaida Plankyte in Talks With My Mom. Sie gewährt darin einen Einblick in konfrontative Gespräche mit einer Mutter, die sich auf diese Konfrontationen nicht einlassen will.

“Das liegt daran, dass du noch nicht viele anprobiert hast”, erwidert diese auf den klaren Einwand ihrer Tochter hin, Kleider nicht zu mögen und daher keine anziehen zu wollen. Was zunächst harmlos erscheint, erweist sich als roter Faden in der Beziehung der beiden: Ganz gleich, um was es geht und welche Argumente Vaidas Alter Ego im Spiel vorbringt – die Mutter will sie nicht gelten lassen. Nach und nach wird deutlich, dass die erwachsene Frau sehr klare Vorstellungen von der Welt, von Geschlechterrollen und Zwischenmenschlichkeit hat, in die ihre Tochter sich nicht einfügen kann und will.

Talks With My Mom ist ein kleines, kurzes, schlichtes Spiel und wirkt gerade deshalb besonders intensiv. Mutter und Tochter werden als abstrakte, aus Blöcken zusammengesetzte Figuren dargestellt, die sich kontraststark vom einheitlich schwarzen Hintergrund abheben. Es gibt kein ausdefiniertes Umfeld, keine anderen Menschen – nur die beiden Hauptfiguren und ihre unterschiedlichen Selbstbilder, die ausschließlich textbasiert in kurzen Dialogen vermittelt werden. Die Stagnation in der Beziehung wird so auf einer visuellen Ebene deutlich durch inhaltliche Wiederholungen intensiviert.

Aufgrund der reduzierten Interaktivität, die sich ausschließlich auf das Weiterklicken von Text und Szenen beschränkt, könnte sich die Frage stellen, ob dieses Spiel als solches richtig definiert ist. In einem Interview mit Kotaku.co.uk erklärt Plankyte jedoch, dass sie sich bewusst für diese vermeintliche Fehletikettierung entschieden habe, um mit den Erwartungen zu spielen und ihre eigene Handlungsunfähigkeit in diesen Situationen auf das Publikum zu übertragen:

“Players usually expect some sense of control over the unfolding of events, but when they play Talks With My Mom, they are faced with a complete lack of choice, which makes them feel powerless. This mirrors the state of the gay girl in the game. Nothing she does ever changes her mother’s opinions.”

Im gleichen Gespräch erwähnt sie, dass Talks With My Mom nicht nur durch persönliche Erlebnisse inspiriert ist, sondern diese Wort für Wort abbildet. Alle Dialoge im Spiel entstammen in kaum oder gar nicht veränderter Form dem Alltag der jungen Entwicklerin. Dieses Aufeinanderprallen von völliger Abstraktion und einem fast zu persönlichen Einblick in zwei Leben ist hochinteressant. Mittlerweile wohnt Vaida Plankyte in Edinburgh und studiert Computerwissenschaften. Die gemeinsamen Filmabende mit ihrer Mutter indes, so verrät sie auf Twitter, finden weiterhin statt. Vielleicht zieht irgendwann während einem dieser Abende endlich ein Sturm auf und weht durch das Wohnzimmer, durch die Wohnung, durch ihre Beziehung.