Review

Stick Shift

Zum Mosaik klassischer Vorortklischees gehört das weichgezeichnete Bild midlife-kriselnder Männer, die ihre Autos waschen, mit Schwämmen und dem stetig spritzenden Wasserstrahl aus ihrem Gartenschlauch liebkosen. Diese Menschen, so scheint es, fühlen sich ihren fahrbaren Untersätzen enger verbunden als den betont lässig um ihre Schultern geknoteten Schurwollpullis.

Robert Yang treibt im – nach „Hurt Me Plenty“ und „Succulent“ – dritten Teil seiner Trilogie über schwulen Sex diese Verbundenheit auf die Spitze und verwandelt eine nächtliche Spazierfahrt in einen ekstatischen Akt der Intimität. Stick Shift liegt die im Prinzip simple Aufgabe zugrunde, einem Auto durch das die konstante Auf- und Abwärtsbewegung der Protagonistenhand an der Gangschaltung Plaisir zu bereiten. Ist das Timing auch beim Wechseln der Gänge perfekt, reagiert das Vehikel mit einem euphorischen Aufheulen des Motors und der Fahrer mit verzückten Gesichtsentgleisungen, während der Rhythmus der Musik sich mit dem der immer schnelleren Bewegungen vereint.

Viel häufiger werden anstatt wallender Emotionen aber lange verdrängte Erinnerungen an missglückte, erste Stunden im Fahrschulauto wach. Denn: Gangschaltungen sind tückisch, und so geraten die ersten Versuche wenig befriedigend. Ist der Motor erst abgewürgt, beginnt der Stimulierungsprozess von vorn – bis schließlich Fahrer und Gefährt nach dem Ende der wilden Fahrt bewusst den Stillstand genießen.

Wie bereits in „Hurt Me Plenty“, hat Robert Yang auch in Stick Shift eine Zwangspause integriert, die entweder nach dem beendeten Akt oder im Falle einer zufällig eintretenden Polizeikontrolle beginnt. In 48% aller Fälle stoppen zwei schwer bewaffnete Zucht- und Ordnungshüter_innen die wilde Fahrt und hindern das ungleiche Paar an einer Fortsetzung ihres gechlechtslosen Akts – immer länger und länger, wenn man ihnen in der Hitze des Moments zu allem Überfluss Küsse zuwirft. Angelehnt an dem oft willkürlich drangsalierenden Umgang der Polizei mit Lesben, Schwulen und transsexuellen Menschen, kann dieser Moment der Hilflosigkeit aber auch zum politischen Protest umfunktioniert werden – nämlich dann, wenn eine regelrechte Kusssalve dafür sorgt, dass Polizei- und Rennwagen in tage- vielleicht sogar wochenlangem Stillstand verharren.

Stick Shift ist damit mehr als nur ein Quell der Irritation. Es ist auf den zweiten Blick auch ein spielerischer Kommentar zu sozialer Stigmatisierung, sexuellem Konsens und der sich verändernden, zunehmend engeren Beziehung zwischen Mensch und Technik, die bereits in Tale of Tales’ „Luxuria Superbia“ thematisiert wurde. So ist denn auch nicht auszuschließen, dass ein einsamer Hemdenträger dann und wann seine rechte Hand zärtlich über die nur anfänglich Kalte, harte Stange der Gangschaltung seines Autos gleiten lässt. Und beide in trauter Zweisamkeit über die Straßen in die Nacht entschwinden.