Review

reProgram

Schmerzverzerrte Gesichter, von groben Händen brutal zusammengedrückte Kehlen, Tränen, Peitschen, mit Blutergüssen übersäte Oberschenkel: Wenn von BDSM die Rede ist, sind dies oft die Bilder, mit denen jene Aussagen bewusst oder unwillkürlich verknüpft werden. Nicht zuletzt die nachttischkompatible Missbrauchsfantasie Fifty Shades of Grey streute ohnehin weit verbreitete Missverständnisse noch weiter und zeichnete ein verzerrtes Bild von einer Praxis, die in Wirklichkeit hoch komplex ist – und heilsam sein kann.

Genau diesen Aspekt thematisiert die Spieleentwicklerin und Journalistin Soha Kareem in reProgram. Die Protagonistin des Spiels leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, mehr noch aber unter zahlreichen Therapieversuchen, die lediglich an der Oberfläche ihres versehrten Selbst kratzen und Symptome behandeln, anstatt ihre Ursache zu ergründen. “Pet” ist ein Opfer sexuellen Missbrauchs und häuslicher Gewalt. Geplagt von Selbstzweifeln und verfolgt von den Ereignissen der Vergangenheit, findet sie sich Nacht um Nacht in dem gleichen Traum und einem mehrstöckigen Gebäude wider, dessen vier Etagen unterschiedliche Therapieansätze repräsentieren. Stets begleitet von ihrer geisterhaften Doppelgängerin, die zynisch alle verzweifelten Versuche, zu genesen, kommentiert.

Mit jedem gescheiterten Versuch, jedem misslungenen Tagebucheintrag, abgebrochenen Yogasitzungen und unerfüllenden Masturbationsszenen, wird deutlich, dass Allgemeines nicht taugt, um das Spezifische zu therapieren – ebenso, wie es keine allgemeingültigen Regeln für BDSM-Praktiken gibt. “Pets” rastlose Wanderung durch das Traumgebäude ist ein Selbstfindungstrip, der es ihr schließlich ermöglicht, Kontrolle über sich und ihre Vergangenheit zurückzugewinnen, indem sie ihre traumatischen Erfahrungen rekontextualisiert und sich deren Auslöser bewusst aneignet, um sie ins Positive zu verkehren. Der Fokus allerdings liegt hier nur bedingt auf der sexuellen Komponente. Explizite Szenen gibt es so gut wie keine, stattdessen etwa ein transkribiertes Telefonat, in denen “Pet” sich mit ihrem neuen Partner zum Filmabend verabredet.

reProgram schafft es, mit überwiegend textbasierten Stilmitteln ein komplexes Bild von BDSM zu zeichnen und zu verdeutlichen, wie viel Fürsorge, Empathie und Liebe notwendig sind, um eine Partnerschaft und die geistige Gesundheit der Beteiligten zu erhalten. Kareem nutzt die technischen Möglichkeiten der Twine-Engine geschickt, um zunächst Überforderung zu erzeugen und sie allmählich durch Selbstbestimmung zu ersetzen. Denn “Pet” kriecht zwar auf Befehl ihres Partners über den Holzboden und vergießt manche Träne, behält aber stets die Kontrolle über die Geschehnisse – ganz anders als Anastasia Steele, die von ihrem Vorgesetzten in der belletristikgewordenen Gebrauchsanweisung für gewaltaffine Pick-Up-Artists kontinuierlich missbraucht, überwältigt und übergangen wird. BDSM ist mehr als die Summe seiner Grundsätze. Auf alle Situationen und Menschen anwendbare Vorgaben kann es nicht geben, weil die individuellen Erfahrungen und Sehnsüchte der Beteiligten als Fundament dienen. Wenn daher eine Regel befolgt werden sollte, dann nur die folgende:

“It’s crucial that on top of respecting safewords, subspaces, aftercare, hard limits, soft limits, and so forth, that we actually address each other as humans that require love and safety first and foremost.”