Review

Pregnancy

Spiele sind eine interessante Plattform, um für bestimmte Themen zu sensibilisieren. Durch ihre leichte Zugänglichkeit einerseits und die intensivere Identifikation mit dem Gezeigten andererseits, bieten sie die Möglichkeit, Menschen in ungewohnte Situationen zu versetzen und dadurch Interesse auch an komplexen Sachverhalten zu wecken. Wie gut das gelingen kann, zeigte zuletzt I’m Positive, ein Titel, dessen Entwickler_innen es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Aufklärungsarbeit über das weltweit verbreitete HI-Virus zu leisten.

Dass man sich an einer solchen Aufgabe auch schnell verhebt, demonstriert dagegen Pregnancy. Dessen Protagonistin Lilla, ein 14-jähriges Mädchen aus Ungarn, bemerkt nach einer Vergewaltigung erste Anzeichen einer Schwangerschaft – eine Befürchtung, die durch einen positiven Test schließlich bestätigt wird. Dieser erzählerische Ansatz ist hochinteressant, nicht nur wegen seines Seltenheitswertes. Angesichts des kontinuierlichen Tauziehens um die körperliche Selbstbestimmung von Schwangeren erscheint es besonders wichtig, eine allzu oft durch emotionale Reaktionen ersetzte, sachliche Debatte anzustoßen.

Das allerdings gelingt der kurzen Interactive Novel nur eingeschränkt. Zwar werden die essentiellen Argumente der Pro-Life- und Pro-Choice-Bewegung sowohl durch Lillas Gedanken als auch die Reaktionen ihrer Mitmenschen in das Spiel eingebunden, jedoch zum Teil stark verkürzt oder verfälscht wiedergegeben. Der essentiellste Irrtum manifestiert sich dabei in der Gleichsetzung von Pro-Choice und einer grundsätzlichen Befürwortung von Abtreibungen – eine Kausalität, die so nicht existiert, wie der Name bereits anklingen lassen sollte.

Tatsächlich setzt sich die Bewegung für eine freie Entscheidung zwischen einer Schwangerschaft und deren Abbruch unter Berücksichtigung der jeweiligen Lebensumstände ein, während die Pro-Life-Anhängerschaft das neu entstehende Leben als höchstes Gut bewertet und daher medizinische Eingriffe grundsätzlich ablehnt. Durch die klare Trennung zwischen Schwangerschaft und Abtreibung, zwischen Pro-Life und Pro-Choice, werden die weit verbreiteten Vorurteile letztlich erhärtet und nicht, wie angestrebt, beseitigt. Dass Pregnancy mit einem Hinweis auf Webseiten beider Parteien endet, ist grundsätzlich positiv, nur stellt sich die Frage, ob sich die Entwickler eigentlich selbst eingehender mit diesen Quellen befasst haben.

Zudem deuten die Mono- und Dialoge darauf hin, dass während des Entwicklungsprozesses weder Opfer sexuellen Missbrauchs noch minderjährige Mütter konsultiert wurden. Die Äußerungen aus Lillas Umfeld lassen zum Teil jegliches Einfühlungsvermögen vermissen, und auch die Protagonistin selbst vermittelt durch rapide Gedankensprünge zwischen Existenzkrisen und Pellkartoffeln, dass sie ihr Problem nicht recht zu gewichten weiß. Mangelnde Empathie steuern denn bisweilen auch die Spieler_innen bei, die sich als zusätzliche Stimme im Kopf der Jugendlichen manifestieren und diese durch die Auswahl verschiedener Dialogoptionen zu manipulieren versuchen. Oder einfach über ihren Musikgeschmack herziehen.

Pregnancy widmet sich einer heiklen Diskussion und wird im besten Fall zu einem reflektierten Umgang mit dem Thema animieren, der dem Spiel selbst leider überwiegend abgeht. Schlimmstenfalls wird es dazu beitragen, dass Titel mit vereinfachter Spielmechanik und Präsentation weiterhin nicht ernstgenommen und Rufe laut werden, ihnen keinen Platz auf Plattformen wie Steam zu bieten. Das wäre schade, denn das hinter ihnen stehende Potenzial ist immens. Wenn man es richtig auszuschöpfen weiß.