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Osawari Island

“Schnapp’ sie dir alle!”, so lautete der Imperativ im schönen Jahre 1999, und ich tat wie geheißen: Nach und nach füllte sich ein dicker Aktenordner mit Pokémon-Sammelkarten, das blaue Gameboy-Modul mit erfolgreich bestrittenen Kämpfen. Ich lernte mit mehr Elan die Namen der zunächst 151 Pocket Monster auswendig als die eigentlich drängenden Französischvokabeln. Abwegig, geradezu lächerlich erschien damals der Gedanke, dass jemand etwas lieber zusammentragen könnte als eine Kollektion knallbunter Fantasiewesen.

Ultra Adventure! Go Go Osawari Island hat mich nun, fast zwei Jahrzehnte später, eines besseren belehrt. Denn, so zeigt sich, auch überwiegend spärlich bekleidete Frauen lassen sich vortrefflich sammeln, tauschen und verkaufen. Bei diesen sogenannten “Eromon” handelt es sich um die verkörperten Gelüste schöner Frauen und so sind sie nur folgerichtig dauerwillig – sehr zur Freude des Protagonisten, der nach einem Schiffsunglück auf Osawari Island strandet und sich völlig überraschend als einziger Mann weit und breit entpuppt. Eben drum wird er denn als frischgebackener Helfer einer aus unerfindlichen Gründen vor Ort residierenden, verrückten Wissenschaftlerin damit beauftragt, Eromon zu rekrutieren, um damit ihre sehr vagen Weltherrschaftspläne zu unterstützen.

Wie diese Rekrutierungsmaßnahmen aussehen, kann sich die geneigte Leserschaft nun vermutlich denken, aber ich will ja nichts unausgeführt lassen, also: Man bestreitet unfassbar repetitive Kämpfe. Anschließend fängt man die promisken Wesen mit kleinen Kapseln ein, die wiederum von einem fliegenden Staubsauger eingesogen werden, an dessen Steuer eine glubschäugige Sekretärin mit Katzenohren sitzt. Wem da nicht die Libido durch die Hüften steppt, der hat… vermutlich kein Faible für glubschäugige Sekretärinnen mit Katzenohren.

Für ein dezidiert so beworbenes Sexspiel tritt der Geschlechtsakt in Osawari Island vergleichsweise weit in den Hintergrund. Im eigentlichen Spielgeschehen bekommt man nicht viel mehr nackte Haut zu Gesicht als in manch einem AAA-Titel, und die Geschlechtsakte müssen durch viel investierte Zeit erst freigeschaltet werden. Um einem Eromon nahekommen zu können, braucht es eine bestimmte Anzahl “love-dovey hearts”, die man durch das Absolvieren von Kämpfen beziehungsweise Quests erhält. Investiert man diese im entsprechenden Untermenü, wird die ausgewählte Dame “verbessert”, was kurzum bedeutet, dass ihre Angriffskraft steigt, sie von Mal zu Mal weniger Kleidung trägt und man schließlich – wenn die höchste Stufe erreicht ist – Sex mit ihr haben darf.

Die entsprechenden Szenen bestehen stets aus einer Illustration, in deren Nahansicht man bestimmte Körperpartien intensiver begutachten kann, und auf der per Mausklick eine kleine Animation ausgelöst wird. Meist wippen die gigantischen Brüste unter dem schamvoll dreinblickenden Gesicht, während die Angebetete in Text und Ton erzählt, wie komisch und doch irgendwie anregend sie das alles findet. Nach einer Entjungferung in der Karaokebar, dem Sex mit einem ewig über seine Sünden lamentierenden Engel und einem bedingt heißen Date mit der Knalltüte, die prompt glaubt, dass ihre Brüste wirklich wachsen, wenn man(n) diese massiert, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es eher nicht der Sex ist, der die stetig wachsende Spielerschar anzieht.

Und tatsächlich: Auf Nachfrage im spieleigenen Chat erklären die meisten Teilnehmer, vornehmlich an der Spielmechanik und dem entspannten Zeitvertreib interessiert zu sein. Auch in diversen Foren präsentiert sich dieses Bild, tauschen sich Menschen intensiv über Techniken und Strategien aus, um möglichst viele rare Eromon zu fangen – der Vollständigkeit halber und des Reizes wegen, der von Sammelei und Glücksspiel ausgeht. Ein solches ist Osawari Island definitiv, denn sämtliche Damen können nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit gefangen werden, so man keine der besonders effizienten Monsterkapseln besitzt, die es für echtes Geld zu erstehen gilt.

Doch viele Spieler scheinen die ohne In-App-Käufe deutlich verlängerte Spielzeit zu genießen und bewusst auf finanzielle Zuschüsse zu verzichten. Vielleicht liegt darin auch die mysteriöse Anziehungskraft der eher skurrilen Sexszenen begründet, denn deren belohnende Wirkung dürfte nach einer durchwachten Nacht und hundertmal wiederholten, nahezu identischen Kämpfen potenziert werden.

Ultra Adventure! Go Go Osawari Island ist sicherlich keine schlechte Wahl für jene, die Interesse an quietschbunter Mangagrafik und komplexem, sich in einer Endlosschleife wiederholendem Gameplay haben. Die fröhliche Musik verleiht dem Geschehen viel Dynamik, an der visuellen Qualität ist nichts auszusetzen und offensichtlich wurde viel Wert darauf gelegt, den Eromon durch eine passende Synchronisation zusätzliches Leben einzuhauchen. Es ist also, kurzum, ein gelungenes Free-to-Play-Produkt. Ein Kuriosum ist es nichtsdestotrotz. Und aus meiner Sicht wenig erfüllend. Hätte, ja hätte ich doch meine Pokémon-Karten dereinst nicht unter Wert auf dem Trödelmarkt verkloppt.