Review

Love Is Strange

Nicht viele Spiele vereinen eine derart loyale und passionierte LGBTQI*-Fanschar hinter sich wie Dontnods Life Is Strange. Bereits nach dem Erscheinen der ersten Episode im Januar des vergangenen Jahres tauchten zahlreiche Fotos von Cosplayer_innen, detailverliebte Fanfiction-Episoden sowie Illustrationen auf, deren Fokus oft auf angedeuteten oder erfundenen Romanzen zwischen den Charakteren des Spiels lag. Hashtags wie #Pricefield oder #Marshfield wurden geschaffen, um die populärsten Paare in spe zu benennen und sich mit anderen Fans darüber austauschen zu können.

Mit Love Is Strange erreicht diese Fanliebe nun eine neue Dimension, arbeiteten doch 16 Menschen sieben Monate lang gemeinsam daran, eine Visual Novel hervorzubringen, in der genau diese Romanzen im Vordergrund stehen. Heldin des Spiels ist abermals Maxine Caulfield, die in ihre Heimat Arcadia Bay zurückgekehrt ist, um an der angesehenen Blackwell Academy Fotografie zu studieren. Anders als in “Life Is Strange”, verfügt sie diesmal jedoch nicht über die Fähigkeit, die Zeit zurückzudrehen. Und auch darüber hinaus ist so einiges anders in dieser Geschichte, die bewusst in einem alternativen Universum angesiedelt wurde, um die dramatischen Ereignisse des Originals umgehen und Max’ Sozialleben unbeschwert ergründen zu können.

Jene Siebzehnjährige befindet sich hier bereits in ihrem zweiten Schuljahr an der Akademie und fühlt sich allmählich wieder heimisch in ihrem Geburtsort, wird jedoch nach wie vor von massiven Selbstzweifeln und einem unsicheren Blick in ihre Zukunft geplagt. Die Unsicherheit tritt besonders deutlich zutage, als ein Fotografiewettbewerb angekündigt wird, für den es binnen einer knappen Woche ein preisverdächtiges Bild einzureichen gilt. Neben dem Thema “Verbundenheit” gibt es nur eine weitere Vorgabe: In Paaren zu arbeiten. Und damit ist die ideale Basis für eine Dating Sim geschaffen.

Mit der Notwendigkeit einer schnellen Entscheidung konfrontiert, kann Max nun zwischen vier potenziellen Partnerinnen wählen. Während es nahe liegt, mit ihrer Kindheitsfreundin Chloe Price oder der ebenso lieben wie schüchternen Kate Marsh zusammenzuarbeiten, bieten sich mit der versnobten Partykönigin Victoria Chase und der mysteriösen Rachel Amber auch zwei unerwartete Optionen an. Ganz gleich, wen Max wählt, werden die nachfolgenden Tage kompliziert, ermüdend und stressig verlaufen – aber am Ende möglicherweise in einer intensiveren Freundschaft oder sogar einer Beziehung münden.

Beeinflussen lässt sich das Geschehen mit Entscheidungen, die über gelegentlich eingeblendete Dialogoptionen getroffen werden können. Konfrontiere ich Victoria mit ihrem Fehlverhalten und sage ihr geradeheraus, wie gemein sie sein kann, oder versuche ich mich an Diplomatie? Empfehle ich Rachel, den Modelvertrag anzunehmen, oder überzeuge ich sie lieber davon, bei ihren Freundinnen zu bleiben? Oft ist nicht ersichtlich, welche dieser Wahlmöglichkeiten Zuspruch bei der Angebeteten finden, und genau hier liegt eine der großen Stärken des Spiels. Love Is Strange drängt nicht dazu, das Spiel mit einem Kuss zu beenden. Vielmehr regt es dazu an, sich intensiv mit den Charakteren auseinanderzusetzen und belohnt diese Mühe so oder so mit einem versöhnlichen Abschluss. Nur wenn alle Sorgen der Mitschüler_innen konstant kleingeredet, falsch gedeutet oder ignoriert werden, droht ein Zerwürfnis.

Love Is Strange wurde mit der Absicht geschaffen, ein Gegengewicht zu dem dramatischen Ende von Dontnods Spiel zu schaffen, und das ist durchgehend spürbar. Zwar werden die individuellen Sorgen der Figuren sorgfältig ergründet, aber nie als unlösbar präsentiert. In dieser Version Arcadia Bays gibt es keine gestrandeten Wale, keinen Drogenhandel, keine Todesfälle. Lediglich Kates Mobbingerfahrungen werden abermals aufgegriffen, ohne jedoch vergleichbar drastische Züge anzunehmen. Diese Zurückhaltung zeigt sich auch am positiven Ende des emotionalen Spektrums, denn passend zum Coming-of-Age-Szenario bleibt es bei unbeholfen ausgetauschten Berührungen, selbst wenn man sich zum Schluss verliebt.

Auffällig ist die fast völlige Abwesenheit der männlichen Figuren in dieser Parallelwelt, nicht nur im Rahmen der Romanzen. Schulkameraden, Autoritätspersonen und Antagonisten werden allenfalls am Rande erwähnt und anstelle des Fotografielehrers Mark Jefferson tritt nun ein Hot Dog vor die Tafel, der die Kopfbehaarung seines Vorgängers trägt und mit geschlechtsneutralen Personalpronomen angesprochen werden möchte. Doch während die Visual Novel an Stellen wie diesen gelegentlich bewusst ins Groteske abdriftet, nimmt sie ihre zentralen Figur ausgesprochen ernst. Max, Chloe und Victoria erweisen sich als vielschichtige Personen mit individuellen Problemen, die in ihrer Charakterisierung nicht zuletzt dank sprachlicher Details ihren Vorlagen sehr nahe kommen. Und Rachel Amber, die Max in “Life Is Strange” niemals trifft und nur über Gerüchte kennengelernt, vereint all das Hörensagen in einer vielschichtigem jungen Frau, die selbst unter ihren vielen Facetten leidet und so durchaus glaubwürdig wirkt.

Würde das Spiel nicht gelegentlich in Klischees abdriften – etwa, wenn die religöse Kate Marsh Max als ihren “Engel” bezeichnet – und sich etwas mehr Zeit für die Charakterentwicklung nehmen, bliebe aus Fansicht nicht viel zu kritisieren. Lediglich die schwankende visuelle Qualität, die der Beteiligung dreier Illustrator_innen mit stark variierenden Stilen zuzuschreiben ist, kann mit der erzählerischen nicht ganz mithalten. Bei einem reinen Fanprojekt ohne finanzielle Unterstützung ist das aber nicht weiter verwunderlich.

Trotz dieser Rahmenbedingungen und dem Genrewechsel kommt Love Is Strange seinem Vorbild ausgesprochen nahe. Bekannte Details wie Max’ ständig aktualisiertes Tagebuch, Textnachrichten und sogar Achievements sorgen für ein intensives Gefühl der Vertrautheit, während sich die neuen Erzählstränge entspinnen. Wer bereits das gesamte #Chasefield-Archiv auf Tumblr durchwühlt, jegliches Bildmaterial auf DeviantArt begutachtet und just das Chloe-Cosplay für die nächste Convention fertiggestellt hat, dürfte mit dieser Visual Novel sehr glücklich werden.