Review

Love Hotel

Die Besenkammer: Ein Hort knisternder Erotik, bebender Lenden, zittriger Finger – das jedenfalls ist Konsens unter den ersten Gästen meines Love Hotels. Als Managerin einer zweistöckigen und drittklassigen Absteige, ist es meine Aufgabe, Menschen mit einer aktiven Libido und zu kleinen Wohnung durch die Bereitstellung eines behaglichen Zimmers auszuhelfen. Doch obwohl ich pflichtbewusst versuche, die reich geschmückten Themenräume anzupreisen, bleibt das Interesse aus.

Meine ersten Gehversuche in 3 Silly Hats’ Aufbausimulation enden dann auch schnell und unrühmlich, weil das Kammergeknatter nicht genug Profit generiert, um die Stromkosten für die atmosphärisch ausgeleuchteten Nachbarzimmer zu decken. Erst mit dem dritten Anlauf ist Besserung in Sicht, die sich vor allem in einer vielfältigeren Kundschaft manifestiert. Der Page hat alle Hände voll zu tun, geleitet erst ein schwules Paar in die Spooning-Suite, dann ein frischvermähltes zum Missionarszimmer und schließlich zwei zopftragende Lesben – zur verdammten Besenkammer.

Viel Sinn für Ambiente scheint die Kundschaft generell nicht mitzubringen, flaniert sie doch vergnügt selbst an defekten Kondomautomaten und riesigen Tiefkühlschränken vorbei zum Raum ihrer Wahl. Erst später, mit steigender Qualität der Dienstleistungen, lassen sich auch solventere Gäste mit speziellen Ansprüchen blicken, die sich vor allem auf die Art der Räume beziehen. Derer gibt es insgesamt acht, vom herzbeschmückten Zweibettzimmer bis hin zur etagengroßen Tropenlandschaft, die nach und nach freigeschaltet werden können. Letztere frisst zwar reichlich Strom und Platz, generiert aber zugleich höhere Gewinne, und so muss fortwährend zwischen notwendiger Ersparnis oder sinnvoller Investition abgewogen werden.

Hat sich die allgemeine Zufriedenheit erst herumgesprochen, wächst der Kundenstamm und mit ihm das Hotel sowie die Zahl der Angestellten, die für die Unterbringung der Gäste, die Reinigung der Zimmer und anfallende Reperaturen zuständig sind. Dass die allzu oft ziellos umherirren oder gar Arbeitsverweigerung betreiben, ist einem nervtötenden Bug zuzuschreiben, der ein effizientes Management bisweilen unmöglich und daher einen Neustart des Spiels notwendig macht. Love Hotel jedoch ist ein so durch und durch sympathisches und gut durchdachtes Spiel, dass man über dieses Problem hinwegsehen kann.

Baut man nämlich in die Tiefe, stößt man allderweil auf Schätze und schließlich auf das Tor zur Hölle, durch das begeisterte Dämonenwesen mit einem Faible für Schokoladenbrunnen ins Hotel strömen; strebt man hingegen gen Himmel, finden sich irgendwann Menschen mit Atemmasken und späterhin sogar Astronauten mit wiederum eigenen Vorlieben ein. Ein noch schöneres Detail sind die von überambitionierten Sexaficionados aller Farben, Formen und Geschlechter verwüsteten Räume, in denen zerbrochene Herzen, Bananenschalen und – im Falle des Raums für alternative Bibelstudien – Teile der zerbrochenen Himmelspforte herumliegen.

Das Beste aber ist, wie unaufgeregt das Spiel Sex thematisiert: Menschen, die sich lieben, wollen kopulieren, tun eben das und verschwinden im Anschluss hochzufrieden wieder. Was genau in dem mit Clowns dekorierten Ballonraum passiert, verbergen zugezogene Vorhänge, doch sie tun es nicht der Scham, sondern allein der Diskretion wegen. Auch deshalb drängt sich das Thema nicht auf, obwohl es durchgehend präsent ist. Vielmehr ist Love Hotel eine spielmechanisch bodenständige und liebevoll präsentierte Aufbausimulation, die mit nur einer Stunde Spielzeit an sich bedauerlich kurz ausfiele, wenn, ja wenn man nicht nach Erreichen des Ziels das bunte Treiben weiter beobachten könnte. So werden die nunmehr zahlreichen Besenkammern weiter stur gekapert, während zwei Astronautinnen den Snackautomaten plündern und ein Teufelspaar im Whirlpool badet. Der Alltag im frischgekürten Sechs-Sterne-Hotel nimmt ungestört seinen Lauf.