Ladykiller in a Bind

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Alleine sein auf einem Kreuzfahrtschiff voller schnöseliger Privatschulabsolvent_innen? Was ohnehin schon genug Stoff für Albträume bietet, entwickelt sich für die blonde Rebellin „The Beast“ schnell in eine noch bedrohlichere Richtung. Schließlich muss sie die siebentägige Reise anstelle ihres Zwillingsbruders bestreiten und den selbstverliebten, an latentem Größenwahn leidenden Kotzbrocken so glaubwürdig wie möglich verkörpern, um nicht aufzufliegen.

Mit diesem eigenwilligen Szenario beginnt Ladykiller in a Bind, das neue Spiel von Love Conquers All Games, dessen Namensgeberin Christine Love zuvor für Spiele wie Analogue: A Hate Story und Hate Plus verantwortlich zeichnete. Auch bei Ladykiller – das mit vollem Titel „My Twin Brother Made Me Crossdress As Him And Now I Have To Deal With A Geeky Stalker And A Domme Beauty Who Want Me In A Bind!!“ heißt – handelt es sich wieder um eine Visual Novel, allerdings um die bisher umfangreichste und erotischste aus Loves Feder. Während Sex nämlich in den vorherigen Titeln eine eher untergeordnete Rolle spielte, ist er diesmal der Dreh- und Angelpunkt für alle Ereignisse, die sich auf dem Schiff abspielen.

Zunächst findet sich The Beast jedoch in einer denkbar abtörnenden Situation wieder: Gleich nach Beginn der Reise schlagen ihr die Skepsis und bisweilen offene Feindseligkeit der Mitschüler_innen entgegen, die sich eigentlich gegen ihren Bruder richten. Das Ansehen des “Prince”, so stellt sich heraus, hat unter seinem großspurigen Auftreten mächtig gelitten, und so muss die leidlich motivierte Protagonistin den sozialen Scherbenhaufen geschickt umlaufen, während sie mehr und mehr in die politischen Intrigen der Schüler_innen involviert wird.

Diese werden zusätzlich befeuert, als Unbekannte den Beginn eines „Spiels“ ausrufen, an dessen Ende ein Gewinn von 5 Millionen Dollar winkt – vorausgesetzt, eine Person schafft es, genug Zuspruch aus den eigenen Reihen zu erhalten. Da sich die wenigsten der anwesenden Wohlstandskinder von dieser Summe ernsthaft beeindruckt zeigen, sie sich aber nach Popularität sehnen, setzt umgehend reges Werben und Drohen um die wertvollen Stimmen ein.

Auch wenn „das Spiel“ damit zu einem wichtigen Faktor in der Interaktion mit den Anwesenden wird, ist es bei weitem nicht der einzige. Schafft man es, halbwegs glaubwürdig zu wirken und zum Beispiel Getränkevorlieben – die man ja als „Prince“ eigentlich kennen müsste – zu erraten, wendet man damit bedrohliche Verdachtsmomente ab. Immer wieder stellt das Spiel optionale Antworten bereit, die vom vorangehenden Verhalten beeinflusst werden und ebenso einen nachhaltigen Einfluss auf spätere Ereignisse haben.

Ungewöhnlich ist dabei, dass diese Optionen mit dem Gesprächsfluss auftauchen oder verschwinden, wodurch ein echter Dialog zumindest annähernd simuliert wird: Wartet man zu lange mit dem nonchalanten Kommentar, bleibt keine Möglichkeit mehr, ihn auszusprechen. Während die Visual Novel die Auswahl passender Anmerkungen erleichtert, indem sie diese mit Adjektiven wie „flirty“, „mean“, oder „ruthless“ versieht, lässt sie ihre Spieler_innen aber gelegentlich auch ins offene Messer rennen, wenn The Beast eine Herausforderung ohne das eigene Zutun verpatzt.

Zudem sind die Absichten der meisten Charaktere erfreulich untransparent, sodass kalkuliertes Handeln erschwert wird. Doch so undurchschaubar das soziale Gefüge zunächst scheint, so einfach ist es letztlich doch, als Kurzzeitmitglied dieser hedonistischen Guccitaschenträgergesellschaft Sex zu haben. Denn schnell zeigt sich, dass ohnehin jeder mit jedem schläft und dass – zur großen Freude der bekennend lesbischen Hauptfigur – sämtliche der attraktiven Frauen in eleganter Kleidung bisexuell sind. Dass sich die Schönheiten beim Blick in die Hose des weiblichen Zwillings zwar zunächst gehörig wundern, den Geschlechterwandel dann aber einfach akzeptieren, ist dabei natürlich ziemlich hanebüchen.

Ladykiller in a Bind aber macht gar keinen Hehl daraus, in erster Linie eine spielförmige Wundertüte voller wilder Fantasien zu sein, und so kann man über die erzählerischen Unstimmigkeiten größtenteils hinwegsehen. Besonders leicht fällt das in den Sexszenen selbst, denn die sind fantastisch. Selbst wenn man kein Faible für kinky Sex oder speziell BDSM vorweist, muss man neidlos anerkennen, dass Christine Love ein unglaubliches Talent für langsamen Spannungsaufbau und das gezielte Einbinden erotischen Vokabulars hat. Jede der vielen optionalen Sexszenen wird dabei von der Persönlichkeit der Partnerin und ihren individuellen Vorlieben geprägt, weswegen alle Begegnungen anders und immer bedeutsam sind. Auch wenn mit einer Ausnahme jede, wirklich jede der Figuren einen Platz im oberen Bereich der Arschlochskala für sich beansprucht, wird schnell klar, dass sich zumindest eine Person hinter der glattgebügelten Spitzenkragenfassade befindet. Der Sex fühlt sich daher nie seelenlos an.

Ganz im Gegenteil wird er selbst dort, wo Gewalt im Spiel ist, extrem liebevoll inszeniert. „The Beauty“, die Stufenprinzessin mit eigenwilligen Neigungen wird zwar von einigen Mitschüler_innen als geradeheraus sadistisch bezeichnet und ist es auch. Sie ist jedoch zugleich die wohl zuvorkommendste und vertrauenswürdigste aller Schülerinnen. Ladykiller in a Bind nimmt sich die Zeit, um die Grundprinzipien des BDSM ausführlich zu erklären, ohne damit die Stimmung zu töten. Immer wieder versichert sich „The Beauty“, dass das gebändigte und sorgfältig gefesselte Beast sich wohl fühlt, bietet ihr Sicherheitsvorkehrungen und nach jeder Sitzung die dringend notwendige Zärtlichkeit an.

Konsens ist damit neben zwischenmenschlichen Machtdynamiken das wohl wichtigste Thema des Spiels. Auch The Beast als weiblicher Ladykiller im Jackett erbittet jederzeit die Einvernehmlichkeit ihrer Partnerinnen, selbst wenn sie eine klare Machtposition innehat. Der Albtraum auf dem Kreuzfahrtschiff entpuppt sich so letztendlich als siebentägige Reise mit Gleichgesinnten, die viel erwachsener sind, als sie es zunächst zu sein scheinen.

Umso bedauerlicher ist es, dass dieser sorgfältig ausgehandelte Konsens durch die Rahmenhandlung komplett über den Haufen geworfen wird. Schließlich ergeben sich fast alle Sexszenen durch die Übernahme einer falschen Identität, die nie offengelegt wird. Die Frage, inwieweit es unter diesen Umständen überhaupt möglich ist, von Einvernehmlichkeit zu sprechen, bleibt leider unbeantwortet. Zudem zeigt sich bereits in der ersten Minute des Spiels, dass „The Beast“ von ihrem Bruder auf einer verlassenen Ölplattform gefangen gehalten und verhört wird. Nur durch ihre Erzählungen erfährt man rückblickend, was sich während der Kreuzfahrt ereignet hat – inklusive aller pikanten Details.

Hierdurch ergeben sich zwar extrem unterhaltame Querelen zwischen den rivalisierenden Geschwistern, mit denen der Erzählfluss andauernd unterbrochen wird, aber eben auch Vertrauensbrüche. Ist man sich erst bewusst, dass man die Sexszenen nicht unmittelbar miterlebt, sondern nur durch dieses Kreuzverhör von ihnen erfährt, entwickelt sich ein sehr, sehr fader Beigeschmack. Schließlich ist das ungefilterte Weitergeben privater Vorlieben an keiner Stelle Teil des mündlichen Vertrags, der zwischen den Partnerinnen geschlossen wird.

Ladykiller in a Bind verhandelt so auf gleich mehreren Ebenen das Thema Macht und Unterdrückung: In der sozialen Interaktion der Schüler_innen, im Sex und in der Spielerfahrung selbst. Als Spieler_in verfügt man zwar über viele Handlungsmöglichkeiten, nicht jedoch über die Macht, stets das gesamte Geschehen zu bestimmen. Dass das damit verbundene Unbehagen beabsichtigt zu sein scheint, ist zwar interessant, aber es sorgt für viel Verwirrung und ein durchwachsenes Fazit.

Uneingeschränkt empfehlen kann man die Visual Novel daher trotz all ihrer – auch audiovisuellen – Qualitäten nicht. Dennoch ist sie einer der besten und komplexesten ihrer Art, deren Inhalt sich selbst nach fünfzehn Stunden Spielzeit nicht erschöpft. Und vor allem zeigt sie, dass Konsens Sex noch angenehmer und anregender machen kann – eine Erkenntnis, die in den meisten Sexspielen fehlt. Wer hätte gedacht, dass man sie ausgerechnet auf einer Kreuzfahrt mit absurd attraktiven, ständig betrunkenen Snobs erlangen würde?