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Gat Life: Boyfriend Bar

Es ist beileibe kein Geheimnis, dass unser Medium auf dem wackeligen Fundament eigenwilliger Moralvorstellungen zu einem riesigen Industriekomplex herangewachsen ist. Allerorten dröhnt es aus den Lautsprechern der Heimkinos: Das Gepolter und Geratter, begleitet von Schmerzens- und Todesschreien. Gewalt hat sich als zentrale Spielmechanik etabliert, mal abstrakt und mal mit fast fotorealistischer Detailtreue. Lustvolles Stöhnen indes gibt es nur im Flüsterton. Denn Sex wird, wenn überhaupt, stets nur angedeutet.

Gat Life: Boyfriend Bar thematisiert eben diese Diskrepanz derart pointiert, dass es dafür nicht mehr als einen dreizeiligen Beschreibungstext und wenige Minuten Spielzeit braucht:

„The first gay dating sim made to game industry standards. Includes none of the scary body parts usually involved in gay romance, the only naughty bits on display are all ESRB-approved and gamer-friendly.“

Die extrem kurze Visual Novel ist dabei weniger auf spielerische Raffinesse, denn auf exakt diese Funktion ausgelegt. Als Colt mittleren Alters gilt es, gewisse Bedürfnisse zu befriedigen und zu diesem Zweck Kontakte in einer Schwulenbar zu knüpfen. Die wenigen zu treffenden Entscheidungen münden schließlich in einer kuriosen Sexszene, die ein offensichtlicher Wink an das US-amerikanische Entertainment Software Rating Board ist, dessen Toleranz für Gewalt bekanntermaßen einem strikten Umgang mit Sexualität gegenübersteht.

Die Absicht ist klar: Will man den Prüfstellen ebenso wie dem geneigten Gamer (schwule) Sexualität schmackhaft machen, braucht es nur genug Anknüpfungspunkte an deren übliche Vorlieben: Waffen, Waffen, Waffen. So überzeichnet diese Prämisse hier auch erscheinen mag, spiegelt sie die gängige Praxis in der Branche wider, Sex und Gewalt miteinander zu verbinden: Sei es als Motivator, als Belohnung oder als klassisches Stilmittel, um eine düstere Atmosphäre zu erzeugen und zu erhalten. Dass die homoerotische Dating-Simulation Coming Out On Top nicht für den Vertrieb auf Steam zugelassen wurde, der Amoklauf-Simulator Hatred hingegen schon, spricht Bände über eine Gesellschaft, die den Tod unschuldiger Zivilisten eher hinzunehmen bereit ist als deren sexuelle Befriedigung.

Sex hält zwar immer häufiger Einzug in geschmackvoll inszenierte Szenen beliebter Triple-A-Produktionen, die zu gefühlten 80 Prozent aus Abblenden und Weichzeichnern bestehen und trotzdem von der ausgehungerten Konsumentenschaft verzweifelt bejubelt werden. Fernab seiner intensiven Nutzung als Marketinginstrument, scheint ein unaufgeregter Umgang mit virtuellem Geschlechtsverkehr dennoch weiterhin kaum möglich und jeder Koitus daher ein Garant für einen wirtschaftlichen Super-GAU zu sein.

Das kann und wird sich hoffentlich in den kommenden Jahren ändern. Wenngleich nicht immer erfolgreich, bemühen sich Unternehmen wie BioWare zumindest um eine homogene Einbindung von Romantik und Sexualität. Fortschritt kann man nur erzielen, wenn Risiken eingegangen und damit auch potenzielle Fehlschläge in Kauf genommen werden, daher sind solche Bemühungen gutzuheißen. Diese Entwicklung zeichnet sich mehr noch in der Indie-Szene ab, deren text- wie grafikbasierte Spiele sexuelle Vielfalt propagieren und zeigen, dass eine entsprechende Nachfrage besteht: Nicht nach rauchenden Colts, sondern nach Penissen und Vulven. Nach Hetero- und Homoerotik, Queerness und Kinks.