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Escape From Fuck Zone

“Alle elf Minuten verliebt sich ein Single”, so lautet die frohe Werbebotschaft eines großen, deutschen Internetportals. Wirft man allerdings einen skeptischen Blick auf die gegenwärtige Date-Kultur, kann man sich kaum des finsteren Eindrucks erwehren, dass es immer der gleiche beziehungsgestörte Mensch auf der Suche nach einem Pendant ist, der rastlos durch die Profile geistert. Denn nicht erst seit der intensiven Nutzung von Smartphone-Apps, in denen eine einzige Wischbewegung über das Beziehungsschicksal entscheidet, scheinen die Frühlingsgefühle am Fließband erzeugt zu werden und ob ihrer Flüchtigkeit genau diese Massenproduktion auch zu erfordern.

Allein zu Hause zu sitzen, ist erbärmlich, jede_r neue_r Parter_in in spe jedoch ebenso wenig erfüllend. Wie frustrierend es sein kann, wenn man immer nur nach Perfektion strebt, anstatt die Schönheit im Makel zu suchen, thematisiert Escape From Fuck Zone. Ähnlich vielen anderen, unglücklichen Singles, verharrt auch die namenlose Protagonistin allabendlich vor dem Laptop, ertränkt ihren Kummer in Rotwein und Selbstmitleid.

Doch die Rettung naht in Gestalt ihrer besten Freundin und einer verheißungsvollen Partyeinladung, deren Hinweis auf die Präsenz potenziell heißer Kerle ausreicht, um die Beziehungseremitin aus ihrer Wohnung zu locken. Am Ort des Geschehens angekommen, trifft sie prompt auf drei Männer, die sie umgarnen kann: Einen hippen Musiker, einen myteriösen, älteren Herrn und den obligatorischen Durchschnittstypen mit geringfügigen Hygieneproblemen. Dieses Basisrezept drittklassiger Dating-Simulationen allerdings verfeinern Woody Fu und Christina Moracho, indem sie hinter die Fassade dieser Stereotype blicken und die Leere offenlegen, die sich oft dahinter verbirgt. Das gelingt ihnen insbesondere durch die spielinterne Dating-App, die neben den drei Erzählsträngen zusätzlichen Raum für zwischenmenschliche Begegnungen bietet.

Wartet die desillusionierte Heldin wieder einmal vergeblich auf eine Reaktion ihres Angebeteten oder hat schlicht Lust auf Sex, lässt der sich jederzeit spontan herbeiführen. Analog zum Tinder-Prinzip, werden die Partner lediglich durch ein Bild samt weniger Zeilen Text vorgestellt und Sympathien oder deren Gegenteil jeweils mit einem Klick vermittelt. Wie pointiert die beiden Entwickler_innen hier altbekannte Klischees dekonstruieren, ist bewundernswert. Mit viel Wortwitz werden die immer nur kurzen Begegnungen mit Menschen geschildert, die sich gnadenlos in ihren Sicherheitsnetzen aus prätentiöser Coolness verheddern und vielfach als schratig, unsicher und vom Pech verfolgt erweisen. Auch ist der so herbeigeführte Geschlechtsverkehr selten erfüllend oder, falls doch, der nächtliche Partner schon am nächsten Tag über alle Berge.

Wie der Titel bereits vermuten lässt, findet die beziehungsfreudige Mitt-Zwanzigerin nie ihr Glück, sondern allenfalls kurzzeitige Befriedigung in diesen spontanen Begegnungen, auf die immer Unbehagen folgt. Oder der Tod, sollte man beschließen, nach dem verheirateten Ehepaar, dem hawaiianischen Fischer und dem Auftragsmörderauftraggeber einen tatsächlichen Mörder zu treffen, der mit dem schlechten Sex abrupt auch dem Leben seiner Kurzzeitpartnerin ein Ende setzt. Phänomenal ist die Auswahl derart grotesker Gestalten, die sich hier präsentiert: Jedes Mal ist das Aufgebot ein anderes und es wiederholt sich selbst nach inflationärer Nutzung der App und mehreren Spieldurchläufen nicht.

Diese Liebe zum Detail zeigt sich auch in den Szenen der drei Primärdates, die stets durch eine aussagekräftige Überschrift, ein handgezeichnetes Standbild und eine ergänzende Beschreibung geschildert werden, ehe man über das Anklicken einzelner Links Entscheidungen treffen kann. Verabrede ich mich lieber mit Twinsie anstatt verzweifelt prokrastrinierend meine Bücher zu sortieren, während der schöne Hipster sich allzu rar macht? Ignoriere ich den Mundgeruch des Durchschnittstypen, weil der begleitet wird von angeregten Gesprächen über gemeinsame Lieblingsfilme? Oder breche ich einfach aus dem ganzen Wahnsinn aus und widme mich wieder zwei alten Bekannten – Serien und Alkohol?

Trotz aller humorvollen Überspitzung erscheint der Date-Irrsinn in Escape From Fuck Zone authentisch, geraten die wandelnden Stereotype durch ein geschickt genutztes Stilmittel vielschichtiger und zugänglicher: Ihre individuellen Interessen oder biografischen Kontexte werden nie konkret benannt, sondern in eckigen Klammern umschrieben, und die Leerstellen so zu Projektionsflächen, an die es sich anknüpfen lässt.

Ähnlich simpel und effektiv ist der naive, ohne Zierrat auskommende Zeichenstil, dessen wackeliger Duktus etwa in Momenten der Trunkenheit gekonnt übersteigert wird. Diese Reduktion zeigt sich gleichsam in den angedeuteten Sexszenen, deren oft nur typografische Schilderung dennoch mehr vermittelt als manch überinszeniertes Triple-A-Sexintermezzo. Das Spiel ist universell zugänglich und ungeheuer unterhaltsam – ganz gleich, ob man den hier geschilderten (Beziehungs-)Alltag einer um ihr Liebesleben zirkulierenden Frau nun nachempfinden kann, oder nicht. Ebenso wie derzeit alle anderen interaktiven Romanzen, krankt auch diese lediglich an dem zum Teil mangelnden Eigensinn der übrigen Charaktere. Ganz gleich, wie viele Sexdates nach dem Eintreffen einer Nachricht wahrgenommen werden und wie viele Tage dabei ins Land gehen: Der zwiebelessende Sportfan wird stets geduldig auf eine Antwort warten.

Die im Skript festgeschriebene, unumgängliche Begeisterung oder Chancenlosigkeit aber wird durch den jeder einzelnen Szene entströmenden Charme geschickt kaschiert. Falls die Screenshotquote als grober Indikator für die Qualität eines Spiels gilt, darf sich Escape From Fuck Zone als klarer Sieger dieser Disziplin und eines der besten Sexspiele rühmen, die mir bisher untergekommen sind. Weil es gar nicht erst ambitioniert versucht, alle Besonderheiten des Zwischenmenschlichen abzudecken, sondern sich gekonnt auf das seltsame Phänomen des Datings konzentriert und liebevoll darüber herzieht. Und weil es zeitgleich eine Lanze für jene Makel bricht, die wir alle in uns tragen und die unvermeidbar irgendwann zu Tage treten. Warum also stehen wir nicht einfach dazu, anstatt sie krampfhaft zu verstecken? Eine entspanntere Basis für Beziehungen durfte damit allemal geschaffen werden. Und die simulierte Perfektion der Dating-Profile vielleicht irgendwann gar nicht mehr gewünscht sein.